Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn – Ein Jahr Presseservice Wien

Mit dem Jahreswechsel 2018/19 haben wir Presseservice Wien gestartet. Das Projekt war für uns kein komplett neuer Anfang, sondern vielmehr eine Fortsetzung jahrelanger Dokumentation rechter und rechtsextremer Aufmärsche, der wir hier einen neuen explizit journalistischen Rahmen gegeben haben.

In den letzten Monaten haben wir 45 Foto-Alben und zwei Reportagen veröffentlicht, Veranstaltungen von Wien bis Tbilisi dokumentiert und mehr als einmal den Rahmen unserer Arbeit neu gesteckt. Wir wollen unser erstes Jubiläum zum Anlass nehmen, uns hiermit noch einmal vorzustellen und einige unserer Erfahrungen schildern. Außerdem wollen wir alle Leser_innen einladen, uns mit Feedback und Anregungen bei der Reflexion des Status Quo im Projekt zu unterstützen. Gefällt euch das neue und -hoffentlich – übersichtlichere Homepage-Layout? Welche Schwerpunkte würdet ihr euch wünschen, was sollten wir zusätzlich abdecken oder eher bleiben lassen? Wir freuen uns auf und über eure Anregungen! 

Zunächst aber unser kleiner Projekt-Rückblick auf das letzte Jahr: Wir haben uns im Dezember 2018 mit dem Ziel gegründet, als Kollektiv von Journalist_innen und Medienaktivist_innen rechte, rechtsextreme und neonazistische Veranstaltungen fotografisch zu dokumentieren. Unseren Fokus haben wir dabei naheliegenderweise auf den Großraum Wien gelegt, wobei wir fallweise auch über bundesweite oder internationale „Events“ berichten. So beispielsweise gleich zu Beginn vom geschichtsrevisionistischen „Tag der Ehre“ in Budapest sowie im Sommer von einem international mobilisierten Aufmarsch der „Identitären“ in Halle. Mit der geographischen Erweiterung unseres Arbeitsfeldes haben wir versucht, der internationalen Vernetzung der extremen Rechten besser gerecht zu werden. Die Berichterstattung dreht sich mehrheitlich um Aufmärsche oder andere Formen des „Straßenaktivismus“, wobei wir uns keineswegs auf diesen Rahmen beschränken. In Zukunft wollen wir unseren Tätigkeitsbereich verstärkt auf Soziale Bewegungen ausweiten, um medial wenig beachteten Protesten zusätzliche Öffentlichkeit zu bieten. Hier haben wir mit der Dokumentation der ersten Pride Georgiens, der „Tbilisi Pride“, einen Startpunkt gesetzt.

Wir wollen mit diesem Projekt Fotos von politischen Veranstaltungen einem größeren Publikum zugänglich machen. Folglich stellen wir die Inhalte für nicht-kommerzielle Projekte auch gerne kostenfrei zur Verfügung. In der Vergangenheit haben Medien mangels eigener Fotodokumentation oft auf das Fotomaterial rechtsextremer Akteur_innen zurückgegriffen und damit – zumeist unwillentlich – deren Selbstinszenierung reproduziert und die Realität verzerrt. Hier wollen wir ein Gegenangebot schaffen, das nicht der ästhetisierenden Darstellung nachkommt, sondern auch rechte und rechtsextreme Veranstaltungen ungeschönt und ungefiltert abbildet. Unsere Arbeit endet nicht beim Fronttransparent und der sorgfältig zusammengestellten ersten Reihe dahinter und auch nicht nach den ersten 30 Minuten der Auftaktkundgebung – Sie beginnt dort erst. Wir sehen es als journalistische Aufgabe, hinter diese Inszenierung zu blicken und diese Einblicke in das öffentliche Bild von Protesten einfließen zu lassen. Hinzu kommt, dass gerade bei Sozialen Protesten oft Symbolfotos von Bildagenturen herangezogen werden, die Ereignisse nur unzureichend darstellen können.

Mit unserer Arbeit bewegen wir uns in einem journalistischen Nischenbereich: kaum und nur punktuell beobachten Journalist_innen und Medien rechte Aufmärsche. Eine systematische Beobachtung aus journalistischem Interesse fehlt komplett. Der Berichterstattung über diesen Bereich werden im Redaktionsalltag kaum und immer weniger Ressourcen zugestanden, gerade für vertiefende Eigenrecherchen fehlt zumeist die Zeit. Größere österreichische Medien sind lediglich bei den wenigen rechten bzw. rechtsextremen Mobilisierungen anzutreffen, die ressourcenarme und reichweitenstarke Geschichten versprechen. Damit verschwindet vieles gänzlich aus der journalistischen Betrachtung, das Bild wird lückenhaft und führt nicht zuletzt zu falschen Schlüssen und Analysen. Gerade im Bereich des organisierten Rechtsextremismus ist das nicht nur bedauerlich, sondern potentiell gefährlich.

Die zunehmende Ressourcenknappheit ist eine allgemeinere Entwicklung in der österreichischen Medienlandschaft; unsere Kritik gilt daher auch dezidiert nicht den einzelnen Journalist_innen, die unter enormem Zeitdruck Beiträge abliefern müssen und sich daher auf das Umschreiben von Agenturmeldungen beschränken. Sie gilt den Medienhäusern, die meinen, APA und Reuters könnten ihre Redaktionen ersetzen. Folglich bieten wir interessierten Journalist_innen auch gerne an, unser Material nach Rücksprache zu verwenden, oder auch Details zu den dokumentierten Events zu erfragen. Dieser Teil des Projektes steckt aktuell noch in Kinderschuhen, hier ist unser Ziel für die nächste Zeit eine bessere Vernetzung und Kooperation.

Anders als in Deutschland gibt es außer „klassischen“ antifaschistischen Rechercheplattformen, die wiederum vorrangig nicht aktivistisch ausgerichtet sind, auch keine Medienprojekte, die sich hauptsächlich bis ausschließlich dieser Aufgabe annehmen. Mit dem „Jüdischen Forum„, der „Recherche Nord„, dem „Pixelarchiv“ oder dem „Presseservice Ratenow“ sowie mit Publikationen wie dem „Antifa Infoblatt„, dem „Der Rechten Rand“ und dem „Lotta Magazin„, aber auch dem Störungsmelder der Zeit, gibt es in Deutschland ein weitaus ausdifferenzierteres Spektrum an Medienschaffenden, die Phänomene des Rechtsextremismus systematisch beobachten. Mit dem Presseservice Wien wollen wir zumindest einen Teil dieser Lücke in Österreich schließen und das Monitoring rechter Mobilisierungen intensivieren und professionalisieren. Wir erachten es als sehr wichtig, kontinuierlich Aktivitäten der extremen Rechten im Auge behalten und dies systematisch öffentlich zu dokumentieren. Um ein präzises Bild der extremen Rechten zu zeichnen sehen wir es sohin als essenziell, auch und schwerpunktmäßig kleinere Mobilisierungen zu beobachten, die sonst zumeist unter den Tisch fallen würden. Das ist oft sehr zeit- und kostenintensiv, insbesondere wenn man sich nicht auf eine Stadt oder Region beschränken möchte, wie es unser Anspruch ist. Ohne großen Förderungen bleibt das Presseservice ein Projekt, in dem die Beteiligten auf eigene Kosten arbeiten.

Ein leidiges Thema, das unsere Arbeit begleitet, sind die Einschüchterungsversuche rechter bzw. rechtsextremer Veranstaltungsteilnehmer_innen. Beinahe bei jeder Veranstaltung werden kritische Journalist_innen mehr oder weniger subtil bedroht, bedrängt oder am Arbeiten gehindert, auch physische Angriffe haben Personen aus dem Kollektiv schon erlebt. Die Polizei hat sich in diesem Kontext zumeist als wenig hilfreich erwiesen. Deren Reaktion auf die Dokumentationsarbeit reicht von Versuchen, das Fotographieren öffentlicher Kundgebungen zu verbieten, über angedrohte Festnahmen, bis hin zu aktiv-physischem Behindern der journalistischen Arbeit oder erteilten Platzverboten. Nicht selten stehen Einschüchterungsversuche rechter Besucher_innen sowie Polizist_innen in Einklang. Wir hoffen, dass sich die Problematik mit der Zeit abschwächt. Bis dahin versuchen wir schlicht, uns davon nicht beeindrucken und schon gar nicht von der Arbeit abhalten zu lassen. 
Für die nächsten Monate haben wir bereits einiges an neuen und alten Fixpunkten eingeplant. Den Rhythmus von etwa einem Beitrag pro Woche versuchen wir zu halten, angedacht ist außerdem ein Archiv, das auch länger zurückliegende Mobilisierungen dokumentieren soll. Gerne nehmen wir auch Hinweise auf Veranstaltungen entgegen, die eurer Meinung nach auf unseren Terminkalender gehören. Zu guter Letzt laden wir interessierte Medienaktivist_innen und Journalist_innen ein, bei uns mitzuarbeiten, sei es in Form fallweiser Fotospenden oder längerfristiger Mitarbeit im Kollektiv.

Erreichen könnt ihr uns per Mail, Twitter oder Instagram. – Wien Jänner 2020